keep in contact - Kultur Niederösterreich FREI HAUS






















© Christine Schwaiger, 2020


Christine Schwaiger
HINTERGRÜNDE

Normalerweise treffe ich die meisten Menschen von Angesicht zu
Angesicht in öffentlichen oder halböffentlichen Räumen, wie zum Beispiel die Studierenden oder KollegInnen im Universitätsgebäude der NDU in St. Pölten, wo ich Innenarchitektur unterrichte. Wie wichtig gerade im Gestaltungsbereich gestische Darstellungsweisen sind, wozu ich auch die Präsentationen und die gemeinsame Arbeit an Modellen und Zeichnungen zähle, wurde mit der Einführung des „social distancing“ durch die Corona-Krise besonders klar bemerkbar. So war die Umstellung auf Online-Tutorials zunächst durch jene Schwierigkeiten dominiert, die sich durch die "flache" und im Sinne der Handhabung von Materialien nur zweidimensionale virtuelle Kommunikation ergaben. Plötzlich blieb mir nur noch der Bildschirm, die Kamera und das Mikrofon, um Projekte zu diskutieren oder Vorlesungen zu halten. Nach einer kurzen, aber intensiven Umstellungszeit stellte sich aber ein neues Phänomen ein, das mein professionelles Interesse weckte. Die Videoschaltungen machten einen Einblick in eine Welt möglich, die in unserer auf Selbstdarstellung ausgerichteten Gesellschaft zunehmend verborgen bleibt: Der private Wohnraum.

War es früher durchaus üblich, FreundInnen und KollegInnen zu sich
nachhause einzuladen, um gemeinsam zu essen, zu feiern, zu spielen, zu
diskutieren, so werden seit einiger Zeit Parties und selbst Geburtstagsfeiern bevorzugt an einen anonymen, oft gemieteten Ort verlegt. Über die genauen Gründe dafür will ich hier nicht spekulieren.

Arbeit und Studium finden traditionell in dafür speziell eingerichteten Räumen statt, das vorgegebene räumliche Setting im Universitätsgebäude stellt eine „neutrale“ gemeinsame Plattform dar, die Lehrende und Studierende in einer Umgebung zusammenfaßt. Nun unterrichtete ich aus meiner Wohnung, die KollegInnen saßen bei den Besprechungen in ihren Wohnungen und die Studierenden - je nachdem, wer es wo wie schnell hingeschafft hatte – bei ihren Eltern, in Wohnungen der Eltern oder in ihren Studentenunterkünften. Jetzt saßen sie im Vordergrund des Bildes das auf meinem Bildschirm zu sehen war und zu Beginn war ich, wie bei jeder direkten Kommunikation, ganz auf ihre Gesichter konzentriert – schon, weil bei dieser Art der Verständigung durch das Fehlen der körperlichen Anwesenheit eine fokussiertere Aufmerksamkeit notwendig ist. Nach einigen Tagen der Eingewöhnung aber begann mein Blick abzuschweifen, richtete sich auf den Hintergrund, die Umgebung, die die Angesprochenen gewählt hatten. Besonders in den Diskussionen mit den Studierenden und bei diversen internationalen Vorträgen schon auch um das Außergewöhnliche der Situation festzuhalten, wurden öfter Standbilder gemacht, um sich diese nachher zu schicken oder mit anderen über Social Media Kanälen zu teilen.

Diese Standbilder begann ich zu sammeln, nicht mehr so sehr als
Dokumente einer neuen Form des Unterrichts, sondern um mich mit eben
diesen Hintergründen, der Innenarchitektur des Privaten,
auseinanderzusetzen. Die soziale Distanzierung hatte also – ausgerechnet im virtuellen Raum – zu einer Annäherung geführt, weil die
private Umgebung ja, ebenso wie die Bekleidung, Teil des persönlichen
Ausdrucks jedes Einzelnen ist. Dass es dabei um eine rein visuelle, noch
dazu um eine digitale Kommunikation ging, wurde schnell dadurch klar,
dass eben dieser private Zugang nach kurzer Zeit auf verschiedenste
Weise manipuliert wurde: Durch Verschleierung oder andere Filter, durch
von Software erzeugte artifizielle Hintergründe (man sah Palmen und
Almwiesen), aber auch, und das betraf mich selbst, durch die gezielte Auswahl des Hintergrunds in der eigenen Wohnung. Da wurden Bilder umgestellt, Lampen anders ausgerichtet und vor allem das Verhalten von Mitbewohnern geregelt, um eine Art Bühnenhintergrund zu schaffen, der schon privat, aber eben auch digital veröffentlichbar sein sollte. Die letzteren Möglichkeiten – und darin zeigte sich die ungleiche Verteilung von Raum in unserer Gesellschaft – hatten natürlich nicht alle; insbesondere bei Familien hatte man häufig den Eindruck, Reportagen aus einem belagerten Nebenzimmer zu sehen, weil sie den einzigen Rückzugsort für die Arbeit zuhause oder eben eine Kommunikation außer Haus boten. Hatte man, wie ich, einmal begonnen, die Hintergründe bei jeder Kommunikation mitzulesen, entwickelte sich auf dem Bildschirm ein Kippbild zwischen dem Kommunikationspartner im Vordergund und der von ihr oder ihm gewählten oder gezwungenermaßen genutzen
Umgebung.

Widmet man sich, wie bei den hier gezeigten Standbildern, die bewußt die
Person im Vordergrund neutralisieren, den Hintergründen, lassen sich
diese architektonisch, ikonographisch oder gar forensisch betrachten und
analysieren. Da sich jedoch, wie erwähnt, schon während der jetzigen
Krise eine Art Professionalisierung des Umgangs auch mit diesen Bildern
entwickelt hat, ist anzunehmen, dass die Unschuldigkeit der ersten großen
Welle der Videokommunikation vorbei sein dürfte.

Die Zukunft gehört dem kuratierten privaten Hintergrund.

Kurzbiografie:
Christine Schwaiger lebt in Wien und arbeitet in Niederösterreich als
Professorin an der New Design University in St. Pölten wo sie den Masterstudiengang Innenarchitektur & Visuelle Kommunikation leitet. Sie
studierte an der Universität für Angewandte Kunst, der Akademie der
Bildenden Künste in Wien und am Royal College of Arts in London. Als staatlich befugte und beeidete Ziviltechnikerin führt sie ihr eigenes Büro mit Sitz in Wien und hat in den letzten Jahren u. a. Ausstellungsarchitektur für das Museum für Angewandte Kunst und das BA Kunstforum Wien realisiert.




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