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Florian Sammer
HOME BODY - Das Ende meines Wohnzimmers
Die Covid-19 Krise drängt uns ins Innere. Indem der öffentliche Raum zur Gefahrenzone erklärt wird, muss die eigene Behausung nun einfach alles übernehmen. Wir sind gezwungen alle Aktivitäten zuhause auszutragen ...oder sagen wir besser auszufechten, denn einiges erscheint zu Hause erstaunlich unbequem und das gerade dort, wo es bekanntlich so hygge sein sollte, wo das Bequeme und Geborgene einen Wohnpakt schließen. Im Idealfall versteht sich.

Für jemanden, der die Stadt wie ein Wohnzimmer verwendet und für den das Zuhause zuerst einmal eine Adresse ist, wo die wenigen Briefe landen und wo das eigene Bett als Wohnortbestimmung
eigentlich genügt, fühlt sich diese Zeit an, wie ein zu viel zu langes Treffen mit einem flüchtigen Bekannten, mit dem man sich noch nie so lange unterhalten musste.

In der Quarantäne ist es jedoch sehr beruhigend zu erkennen, dass man - ohne es vorher zu wissen - genau für diesen Notfall vorgesorgt hat. Wie ein schlummernder Schutzbunker kann meine Wohnung nun alle ihre Trümpfe ausspielen und mir beweisen, dass sie für meine krisenbedingten Wohnbedürfnisse gut eingerichtet ist. Als Architekt und Interior Designer ist die eigene Wohnung zwangsläufig ein Referenzraum. Auch, wenn ich es nicht allzu ernst genommen habe, mein eigenes Zuhause zum prächtigsten Schauraum meiner Tätigkeit hochzustilisieren, finde ich in dieser
Krisenzeit Räume, Möbel und Gegenstände vor, die ich mag und mit denen ich mich gerne umgebe.
Meine Wohnung hat offenkundig den Härtetest bestanden, abseits einer berufsbedingten Inszenierung.

Nie zuvor ist der private Raum der anderen im eigenen Zuhause so präsent geworden. Wir dringen beim Homeoffice in kürzester Zeit in so viele unterschiedliche fremde Wohnungen ein. Mit Neugier blicke ich anfangs in den Home Body der anderen. Aber bald gewöhne ich mich daran, die Information aus dem Hintergrund nicht weiter deuten zu wollen. Bestehen bleibt ein kurzer intimer Moment, wenn die Zellen der Privatheit sich digital begegnen. Diese Verschmelzung fühlt sich an, als
ob man sich im Pyjama gegenübersitzen würde.

Längst ist allen klar, dass wir nur ins Bild rücken, was wir auch tatsächlich zeigen wollen, es einfach ignorieren oder virtuelle Kulissen einblenden. Damit ist mein Home Body zur Medienbühne
geworden. Während uns die Coronakrise beschäftigt, hat mein Wohnzimmer einen Weg aus der Identitätskrise gefunden. Hat es früher sehnsüchtig auf mich gewartet, dass ich endlich zum Wohnen
nach Hause komme, ist nun eine neue Zeit angebrochen. Es hat mir gezeigt, dass es mehr Stücke spielt als gedacht. Homeoffice, Online-Teaching, Lunchbreak, Meetings, Power Nap und das alles in meiner Bubble. Der alte Bekannte hat aufgehört ein nutzloses Wohnzimmer zu sein. Vor die reale
Kulisse schiebt sich eine virtuelle Schicht im Inneren.

Home Body ist eine emotionale Fiktion. Durch den häuslichen Rückzug als Schutzmaßnahme hat sich das Bedürfnis nach einem panoptischen Tapetenwechsel explosiv gesteigert. Mein altes Wohnzimmer soll sich häuten und aus dem Wohnkörper schlüpfen. Die kugelförmige Zelle stülpt sich ballonartig aus dem Fenster, bläht sich wie ein Bubble Gum auf und verplatzt.

Und für mich hat sich bestätigt, dass ich kein Home Body also kein Stubenhocker bin.


Kurzbiografie:
Mag.arch. Florian Sammer ZT lebt und arbeitet in Wien und Niederösterreich als Architekt, Urbanist & Interior Designer. Gemeinsam mit Ulrike Pitro und Jochen Hoog leitet er die „Agency for Spatial and Architectural Potentials” bekannt als ASAP - HOOG PITRO SAMMER. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit an der TU Wien unterrichtet er seit 2014 Jahren an der New Design University St. Pölten im Bereich Innenarchitektur. Seit 2019 ist er zudem Studiendekan an der NDU für die Fakultät Gestaltung.


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