Foto © Hubert Lobnig
Foto © Hubert Lobnig
 

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wohin verschwinden die grenzen? / kam mizí hranice?



Zentrum der Konstruktion war für zwei Jahre eine Arbeit, die vorwiegend mit Laiendarsteller_innen mit Migrationshintergrund in Čížov inszeniert wurde, wo ein letzter Rest musealisierter "Eiserner Vorhang" steht. Die Fotografien wurde im Herbst 2012 – mittlerweile von Wind und Wetter verblichen – wieder abgenommen. Eine Wiederaufnahme und Weiterführung des im Jahr 2009 gestarteten Projekts erscheint sinnvoll, hat sich doch die Diskussion seit damals weiterbewegt und zugespitzt. Die Grenzübergänge innerhalb der Schengenländer sind zum Großteil real abgebaut und alles, was landläufig an Grenze im klassischen Sinn erinnert, ist verkauft und demontiert worden. Die Grenzhäuser wurden privatisiert, die Anbauten, Befestigungen, Schranken, Kontrollhäuschen etc. zerlegt und abtransportiert. Damit ist ein Stück Zeitgeschichte verschwunden – ein Umstand, der uns zu Zeitzeugen macht. Wir sind innerhalb der EU ein gutes Stück freier geworden, aber auch beklommen in Anbetracht der Flüchtlingsströme aus Kriegs­ und Krisengebieten und in Vergegenwärtigung der andernorts neu errichteten Zäune und Mauern. Die Festung Europa versucht, sich an den Außengrenzen gegen Eindringlinge abzuschotten, und beauftragt internationale Sicherheitsfirmen mit der Überwachung ihrer Grenzen, deren Sicherung dem Aufgreifen und Abschieben von Übertreter_innen, Überläufer_innen und Überfahrer_innen sowie der Erhaltung des Status quo für uns Europäer_innen dient. Verschiedene Staaten bauten unüberwindbare Mauern, andere überlegen deren Errichtung. Modernster Stacheldraht und meterhohe Sicherheitsbarrieren sichern die Außengrenze in Marokko, wo das "Grenzproblem" überhaupt an ein Nicht-EU­Land ausgelagert wurde. Täglich lesen wir von immer noch höheren Zahlen von umgekommenen und aufgegriffenen Personen, die in der Hoffnung auf ein neues Leben an unsichtbaren, aber nicht minder effektiven Grenzen gescheitert sind.Die Frage "Wohin verschwinden die Grenzen?"/"Kam mizí hranice?" ist 2014 virulenter denn je. Die Arbeit ist der Versuch, bei allen berechtigten Feierlichkeiten zum Fall des Eisernen Vorhanges Aufmerksamkeit auf die neuen Grenzen und Mauern zu richten und sich der Bedeutung eines kontinuierlichen Engagements für den Frieden bewusst zu werden.
Wir haben Künstler_innen aus Tschechien, Polen und Österreich eingeladen, mit ihren Arbeiten auf vergangene, gegenwärtige und zukünftige Grenzdiskurse zu verweisen und diese zu reflektieren.
(Iris Andraschek und Hubert Lobnig)

Zbigniew Libera
History Lesson, Fotografie auf Dibond, 140 × 349 cm, 2012, Courtesy of Zbigniew Libera and RASTER Gallery, Warsaw
Libera spielt in seinen Arbeiten oft mit (visuellen) Assoziationen und Erinnerungen seiner Betrachter_innen. "History Lesson", ein Teil der mehrteiligen Arbeit "New Histories", projiziert Ängste, Unschlüssigkeiten, Albträume in einen nicht näher definierten Zeit­Raum. Drei Pferde mit Reitern sind vor einem leer stehenden, halb zerstörten Wohnbau zu sehen. Das Format des Bildes ist stark horizontal. Sind die Reiter Anarchisten, Punks, Outlaws, Mitglieder einer Privatarmee? Wir empfinden das Bild als urbane Dystopie, eine verwüstete Welt nach einer Katastrophe oder einem Krieg, eine Welt, in der nichts so ist, wie es sein sollte. Wichtig für die Lesbarkeit der Fotografie ist der Ort, an dem sie gemacht wurde: Borne Sulinowo (deutsch: Groß Born) ist eine Stadt mit 4.500 Einwohner_innen in Polen. Am Bahnhof Groß Born entstand eine Militärsiedlung, die in den 1930er-Jahren stark erweitert wurde und im Dritten Reich den Namen Westfalenhof erhielt. 1943 wurde sie zum Garnisonsstandort der Wehrmacht. Von 1939 bis zum Kriegsende bestand in Groß Born ein Kriegsgefangenenlager. Borne Sulinowo war nach 1945 der Sitz einer Garnison der Roten Armee, deren Verwaltung es unterstand. Bis 1993 lebten hier fünfzehntausend Soldaten. Nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte wurde die Siedlung 1993 geplündert und zerstört.


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