erwin wurm, blind spot
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erwin wurm


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blind spot



Bei der umfangreichen Plakatkampagne "Blind Spot" wurden im Juni 2003 800 Plakate in ganz Niederösterreich affichiert. Im Gegensatz zu den meisten künstlerischen Plakatprojekten, bei denen Unikate oder nur sehr kleine Stückzahlen platziert werden, kann hier von einem tatsächlichen Einklinken der Kunst in dieses Massenmedium gesprochen werden. Für ein Werbeplakat stellen Kommunikationswissenschaftler heute eine durchschnittliche Rezeptionszeit von nicht einmal zwei Sekunden fest. Damit stellt sich den KünstlerInnen die Frage, ob sie sich dem scheinbaren Zwang zum Plakativen unterordnen wollen oder bietet diese Abrichtung des Mediums nicht vielmehr gerade der Kunst einen besonderen Freiraum sowie ein Feld neuer Bezugsmöglichkeiten abseits der Kunstinstitutionen? Ein wichtiger Abhebungspunkt ist, dass die Kunstplakate immer absenderlos sind, es muss kein Produkt beworben werden. Vor allem aber sind es die kommunikativen Strategien der Kunstplakate, auch wenn sie Formen des gewöhnlichen Grafik-Designs übernehmen sollten, die sie in Distanz zu ihrer Umgebung bringen. Meist bedienen sich die KünstlerInnen "minimalistischer" Strategien der Informationsverweigerung, die ein offenes Feld der Interpretierbarkeit bereitstellen.

Von Erwin Wurm wurde eine Arbeit aus der Serie "Instructions on how to be politically incorrect" affichiert. Im Plakatmedium, dessen rein appellativer Charakter sich stets latent und diskret zurückhält und sich nie offen zu erkennen gibt – denn selbstverständlich ist niemals das implizite Kommando "Kaufen!" explizit notiert –, wurde ausnahmsweise ein Bild platziert, das seine Vorschrift klar und deutlich formulierte. Allerdings war der Inhalt dieser "Instruktion", im Verhältnis zum sonstigen und alleinigen Zweck jenes "Hausmediums der Manipulation"1, das auschließlich dem Konsum dient, eher giftig: "Bettler bestehlen." Ähnlich wie bei Breunings "Double" wurde durch die Einbindung in einen werblichen Kontext auch bei dem Sujet von Wurm dessen ironische Qualität intensiviert. Mehr noch, in diesem Fall kam dadurch dem Bild sogar tendenziell eine – breitere – Bedeutung zu, die ihm bei einer bloß kunstspezifischen Rezeption innerhalb einer Ausstellung wohl versagt geblieben wäre. Konsumieren – kaufen – stehlen: Ohne viel Federlesen zu machen, wurden auf diese Weise – nämlich allein durch den Kontextbezug – Verknüpfungen hergestellt, die wenig rücksichtsvoll die zynischen Aspekte der Gesellschaft ins Licht setzen. Die freundlich-spöttische Provokation, dem Kunstbetrachter Handlungsanleitungen für "politisch unkorrektes" Verhalten zu offerieren, wandelte sich durch die Transponierung in den öffentlichen Raum und gegenüber einem allgemeinen Publikum unversehens zum zynischen Imperativ; die Nachbarschaft zu den anderen Plakaten, die immer nur "Kauf mich!" schreien, verschaffte dem Sujet offensichtlich eine zusätzliche Brisanz: "Stiehl auch gleich!" Und dass die Bild-Inszenierung, in der eine attraktive junge Frau, modisch gekleidet im schwarzen Kostüm, sich aus dem Hut des Bettlers bedient, scheinbar und äußerlich auch Konventionen der Werbung befriedigte, steigerte nur noch ihre unterschwellige Virulenz.
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