roy villevoye / jan dietvorst, blind spot
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roy villevoye / jan dietvorst


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blind spot



Bei der umfangreichen Plakatkampagne "Blind Spot" wurden im Juni 2003 800 Plakate in ganz Niederösterreich affichiert. Im Gegensatz zu den meisten künstlerischen Plakatprojekten, bei denen Unikate oder nur sehr kleine Stückzahlen platziert werden, kann hier von einem tatsächlichen Einklinken der Kunst in dieses Massenmedium gesprochen werden. Für ein Werbeplakat stellen Kommunikationswissenschaftler heute eine durchschnittliche Rezeptionszeit von nicht einmal zwei Sekunden fest. Damit stellt sich den KünstlerInnen die Frage, ob sie sich dem scheinbaren Zwang zum Plakativen unterordnen wollen oder bietet diese Abrichtung des Mediums nicht vielmehr gerade der Kunst einen besonderen Freiraum sowie ein Feld neuer Bezugsmöglichkeiten abseits der Kunstinstitutionen? Ein wichtiger Abhebungspunkt ist, dass die Kunstplakate immer absenderlos sind, es muss kein Produkt beworben werden. Vor allem aber sind es die kommunikativen Strategien der Kunstplakate, auch wenn sie Formen des gewöhnlichen Grafik-Designs übernehmen sollten, die sie in Distanz zu ihrer Umgebung bringen. Meist bedienen sich die KünstlerInnen "minimalistischer" Strategien der Informationsverweigerung, die ein offenes Feld der Interpretierbarkeit bereitstellen.

Die holländischen Künstler Roy Villevoye und Jan Dietvorst kombinierten für ihr Plakat zwei Standbilder aus ihrem Film "us/them" (2001), der in Papua-Neuguinea gedreht wurde. Die Videostills stammen aus einer Interviewszene, in der ein einheimischer Freund der Künstler, Pupis, sich zu einer Reise äußert, die seine beiden Cousins im vorhergehenden Jahr ins ferne Amsterdam unternommen hatten. Sowohl bezüglich des Sujets als auch in ästhetischer Hinsicht widersetzte sich die Arbeit entschieden dem, was man von Großplakaten gewohnt ist: die grobe, etwas unscharfe Ästhetik der Videostills; abgebildet ein Schwarzer – aber gerade nicht ein schönes schwarzes Model –, den Blick direkt zum oder auf den Betrachter gerichtet usw. Andererseits waren die grundsätzlichen Parameter der kommunikativen Struktur, die da wirksam gemacht wurde, durchaus stark: der schwarze Mann, der zu einem weißen Betrachterpublikum „spricht“; und auch der Rekurs, hinsichtlich der gestischen Sprache, auf die überkommene Plakatrhetorik des fordernden Mannes wurde wohl kaum zufällig hier in Szene gesetzt. Von daher steht die Arbeit in einer bestimmten Tradition politischer Plakate vergangener Tage, die zurückgeht auf Kriegsplakate des Ersten Weltkriegs – die berühmten Poster mit Lord Kitchener oder Uncle Sam, ebenfalls jeweils mit dem erhobenen, auf den Betrachter gerichteten Zeigefinger: "I want you for the army." Eine Bildrhetorik, die bekanntlich in heutiger politischer Webung längst keine Rolle mehr spielt. Der Verwendung oder Wiederaufnahme jener Figur appellativer Gestik steht bei dem Sujet allerdings – ganz im Gegensatz zu der historischen Propaganda – eine ziemliche Offenheit in der Bedeutung, im Zusammenhang von Bild und Text, gegenüber. Die Interviewzitate sind so gewählt, dass vielerlei
Konnotationen auf der textlichen Ebene in den drei kleinen Sätzen mitklingen. Zum Beispiel heißt es im linken Bild: "Why am I not allowed to see it there?" (und nicht: "Why can't I see it there?", was den gleichen Sinn hätte), und schon allein dadurch schwingt automatisch die ganze Geschichte bzw. der Diskurs des Kolonialismus/Rassismus mit: der schwarze Mann, der um Erlaubnis fragen muss. Der Untertitel dann im zweiten Videostill, "The next time I will go with you", lässt im Unklaren, was genau angesprochen ist. (Was ist das nächste Mal? Wohin gehen?) Gerade deshalb aber erhält der Satz – abgehoben von seinem konkreten Sinn im filmischen Interview – eine überindividuelle Bedeutung, die ohne Mühe etwa auch die allgemeine Beziehung der Ethnien zueinander mit einschließt. Die Untertöne und Beiklänge, die angeschlagen werden, artikulieren zusammen einen quasi poetischen Gehalt des Bildes, was dieses wiederum umso mehr aus dem plakativen Kontext herausstechen lässt.


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