tomaz gregoric, blind spot
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tomaz gregoric


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blind spot



Bei der umfangreichen Plakatkampagne "Blind Spot" wurden im Juni 2003 800 Plakate in ganz Niederösterreich affichiert. Im Gegensatz zu den meisten künstlerischen Plakatprojekten, bei denen Unikate oder nur sehr kleine Stückzahlen platziert werden, kann hier von einem tatsächlichen Einklinken der Kunst in dieses Massenmedium gesprochen werden. Für ein Werbeplakat stellen Kommunikationswissenschaftler heute eine durchschnittliche Rezeptionszeit von nicht einmal zwei Sekunden fest. Damit stellt sich den KünstlerInnen die Frage, ob sie sich dem scheinbaren Zwang zum Plakativen unterordnen wollen oder bietet diese Abrichtung des Mediums nicht vielmehr gerade der Kunst einen besonderen Freiraum sowie ein Feld neuer Bezugsmöglichkeiten abseits der Kunstinstitutionen? Ein wichtiger Abhebungspunkt ist, dass die Kunstplakate immer absenderlos sind, es muss kein Produkt beworben werden. Vor allem aber sind es die kommunikativen Strategien der Kunstplakate, auch wenn sie Formen des gewöhnlichen Grafik-Designs übernehmen sollten, die sie in Distanz zu ihrer Umgebung bringen. Meist bedienen sich die KünstlerInnen "minimalistischer" Strategien der Informationsverweigerung, die ein offenes Feld der Interpretierbarkeit bereitstellen.

Der slowenische Fotograf Tomaz Gregoric beteiligte sich mit einem Bild aus der Serie "Periphery" an dem Projekt. Gregoric weist darauf hin, dass es sich bei "Periphery" nicht um inszenierte, sondern um dokumentarische Aufnahmen handelt: eine Graslandschaft bei Ljubljana, in der zwei Polizisten unterwegs sind. Landschaftssujets werden gewöhnlich auf Plakaten gemieden: Beim Bildaufbau von Plakaten wird normalerweise alles nach vorne gerückt, die Dinge sollen groß und präsent sofort ins Auge stechen, und die räumliche Tiefe von Landschaftssujets widerspricht offenbar diesem Prinzip. Zudem waren hier die beiden Polizisten, winzig klein in hohem Gras, etwa für Vorbeifahrende im Auto kaum noch wahrzunehmen. Zusammen mit den paar traurigen, halb abgestorbenen Birken gewissermaßen ein Beckett’sches Tableau also, das jener "Spielregel" des Mediums, dem Zwang zum Plakativen, in keiner Weise nachkam. Von daher war das Sujet schon in formaler Hinsicht dezidiert ein Fremdkörper im medialen Kontext, wobei vermerkt werden muss, dass die Tatsache, hier ein Fremdkörper zu sein, freilich keineswegs ausreicht, um den Transfer aus der Galerie hinreichend zu begründen – und das gilt selbstverständlich für jede Kunst im öffentlichen Raum. Allerdings wurde gerade durch die Einbindung in ein Medium – bei gleichzeitiger Distanz zu diesem–, welches einem ganz anderen Rezeptionsmodus unterliegt, eine weitere Qualität von Gregorics Arbeit umso deutlicher: Die Fotografie zitiert einen viel älteren Bildtypus aus derKunstgeschichte, konkret der barocken Landschaftsmalerei, wo die sympathetische Wechselbeziehung zwischen den Figuren und der Landschaft jenen – verloren gegangenen – Weltbezug zum Ausdruck brachte, der das Eingebettetsein des Menschen in der Natur zum Grundtenor hatte. In nicht wenigen der oben bereits erwähnten Situationen, in denen einem Großplakate auf dem Land begegnen, mag gerade dieser Zusammenhang – auch für den nicht kunstgeschichtlich Gebildeten – weit stärker denn als bloß leiser Anklang wirksam geworden sein. Was wiederum prompt in krassem Gegensatz dazu steht, wie wir heutzutage fast automatisch die emotionale Färbung eines Bildes wie desjenigen von Gregoric rezipieren: die beiden einsamen Männer, irgendwie verloren in der Landschaft. Erneut war es also der Kontextwechsel – von der Ausstellung in den öffentlichen Raum und in ein Medium, in welchem das Bild hinsichtlich seines kommunikativen Gestus eigentlich "deplatziert" war –, der die Stimmung und tendenziell auch die Bedeutung des Bildes beeinflusste, je nach Umgebung intensivierte oder sogar veränderte, auf alle Fälle aber bereicherte. Die Frage, die das Bild stellte und die freilich auch hier nicht "beantwortet" wird, war in ein anderes poetisches Licht gerückt: Was suchen die Polizisten im Gras?


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