ricarda denzer, gemischte gefühle<br />
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ricarda denzer


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gemischte gefühle



Reinsberg war, wie schon 1999 mit "Gemeinsame Sache", Ausgangs- und Produktionsort für das Projekt "Gemischte Gefühle". Fünf KünstlerInnen ließen sich über einen längeren Zeitraum im Dorf nieder und befassten sich mit lokalen Ereignissen, Geschichte(n), mit Menschen und Institutionen, dem öffentlichen Leben, sozialen Konfliktlinien und touristischen Selbstdarstellungsstrategien des Ortes. Der eigentliche Effekt von "Gemischte Gefühle" steckte zwischen den Zeilen. Initiiert von dem Autospengler und unermüdlichen Betreiber der kulturellen Aktivitäten im Dorf, Karl Prüller (die experimentelle Burgruine und deren Bespielung und die Betreibung der Biogastronomie ebendort ist ebenfalls seinen Initiativen zuzuschreiben), waren die gesamten Vorbereitungen und Realisationen Teil einer intensiven oben erwähnten diskursiven Operation. Eine Gruppe von KünstlerInnen zusammenzustellen, die Interesse an ortsspezifischer Kleinarbeit fanden, sich in eine interne und externe Diskussion einließen, den Schritt in ein auf dem ersten Blick verschlossenes Dorf machten, ebenda recherchiert, war speziell im Projekt Reinsberg 2001 eine permanente Gratwanderung. Verschlossenheit und Offenheit, Interesse, Diskussion und Verdeckung, offene und geschlossene Türen wechselten sich permanent ab. Durch die Nähe der Recherche und der Arbeiten am Leben im Dorf und auch aufgrund des Interesses eines Teils der KünstlerInnen, konkrete Geschichte(n) des Dorfes aufzugreifen, ergab sich die Möglichkeit von "wirklicher" Auseinandersetzung, die sonst in der Kunst nicht oft stattfindet. Eine Distanzierung vom Feld, eine Integrierung in ein geschlossenes Kunstsystem war in Reinsberg nicht möglich. Der Kreis der aufgenommenen Geschichte(n), der Beteiligten und der RezipientInnen war zu eng, um zu entkommen. So ergab sich z.B. in der Vorarbeit von Ricarda Denzer und Barbara Kraus über die Geschichte(n) der Hofmühle eine Diskussion mit einer Familie, dem Bürgermeister, Herrn Prüller, über die Grenzen der Einbeziehung von biografischen Details in die künstlerischen Arbeiten. Konflikte traten auf, die Weiterarbeit wurde kurzfristig untersagt, in mehreren Gesprächen wurde dann aber durchaus die Wichtigkeit verstanden, die die Einbeziehung einer solchen Einzelbiografie für das Erkennen von kollektiven Prozessen hat. Das Interesse an der Lebensgeschichte und der Behandlung einer Außenseiterin im Dorf wurde plötzlich nicht mehr als voyeuristischer Akt, sondern als Aufarbeitung einer gemeinsamen Geschichte begriffen, die über den privaten, familiären Zusammenhang hinauswies. Die Situation, dass viele KünstlerInnen aus ähnlichen Dorf- bzw. Kleinstadtsituationen kamen, eröffnete eine zusätzliche Dimension. Die Beschäftigung mit Eigengeschichte(n), Erinnerungen, vermischte sich mit der Beschäftigung mit dem Dorf. Der Titel des Projektes stand programmatisch für das Projekt, seine Verfahren und seinen Verlauf; für die "Gemischten Gefühle", die auf allen Seiten aufkommen, wenn sogenannte "Fremde" in ein Dorf kommen. Das "Gemischte Gefühl", heimisch zu sein, Vertrautheit, Überschaubarkeit zu erfahren, aber auch Gegenteile davon – draußen zu stehen, schief angeschaut zu werden, zu Gemeinschaften keinen Zugang zu haben etc. -, steht dem "Gemischten Gefühl", als Künstler, interessierte junge Menschen, Eindringlinge, Fremde, Wiener (Städter) oder linke Protestierer gesehen zu werden, gegenüber. Das von den KünstlerInnen neu adaptierte ehemalige Kaufhaus Gruber im Zentrum neben der Kirche war ein kommunikativer Knotenpunkt des Projekts. Zusätzlich bildete die Hofmühle, ein historisches Haus mit viel Geschichte(n), einen zentralen Ort.

Die Hofmühle ist ein unrenoviertes historisches Gebäude aus dem 16. Jahrhundert. Die Recherche rund um das Haus ergab eine Reihe von Erzählungen über die früheren Bewohner und deren Geschichte. Einzelne erlebte oder überlieferte Episoden über den alten Hofmüller und seine Tochter werden von den Dorfbewohnern in unterschiedlichen Interpretationen erzählt. Das Haus regt zu zahlreichen Spekulationen an. Die Arbeit von Ricarda Denzer mit dem Titel "eigen" bezog sich auf eine erzählte Episode aus der Biografie der Tochter. "1974 war das. Da war eine Geschichte mit einem Mann. Da kam ein Brief. Keine Handschrift. Nur ausgeschnittene Buchstaben. Da stand: An dem Tag zu der Zeit wird die Hofmühle in die Luft gesprengt. Da kam die Gendarmerie, und sie mussten raus aus dem Haus. Und nichts ist geschenen. Gar nichts" (Interviewpassage aus "eigen"). Auf einer Projektionsfläche vor der Hofmühle wurde ein vor dreißig Jahren angekündigtes Ereignis als Videoanimation durchgeführt. Die Hofmühle explodiert. Eine an Baustellentafeln erinnernde Plakatfläche vor der Hofmühle zeigte anschließend das Grundstück, auf dem die Hofmühle stand/steht. Sie hat ihr Leben lang nichts anderes gehört vom Vater als wie: "Pass nur auf, der will nicht dich, der will nur die Hofmühle" (Interviewpassage aus "eigen"). Als zweite Arbeit von Ricarda Denzer ist ein 13minütiges Video entstanden, das mit Aufnahmen im Dorf beginnt, sich langsam der Hofmühle nähert, sie ins Bild rückt - bis sie explodiert -, dann aber mit fast statischen Bildern aus der Computeranimation kurz nach der Explosion stecken bleibt. Traumhafte Szenen mit Rauch/Nebelschwaden, die an Fantasy-Computerspiele erinnern. Dazu Stimmen aus dem Dorf über eine Frau, die anders ist, anders spricht, sich anders verhält, sich nicht anpassen will oder kann - krank ist -, ausgegrenzt und in letzter Konsequenz ausgeschlossen wird, verschnitten mit einer Sprecherinnenstimme, die kurze Ausschnitte aus Märchenerzählungen, die aus einem alten Heft der Frau stammen, wiedergibt.




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