johann moser, gemeinsame sache
johann moser, gemeinsame sache
 

johann moser


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gemeinsame sache



Reinsberg ist eine Gemeinde mit verschiedenen Geschwindigkeiten. Beim schnellen Durchfahren umfängt einen die Geborgenheit einer Nachkriegssommerfrische: Malerisch eingebettet in eine hügelige Landschaft, mit vielen grünen Wiesen und Mischwald, Schafen und Rindern und Einzelhöfen in sonnigen Lagen. Bei ausführlicheren Streifzügen lässt sich aber auch ein anderes Reinsberg wahrnehmen, das durch intelligente Dorferneuerungsprojekte, durch Selbstvermarktung biologischer Produkte und ungewöhnlicher Kulturprojekte seine geschlossene Lage zu überwinden versucht. Fast alljährlich gibt es Künstlersymposien, Skulptureninstallationen, Ausstellungen und Internationale Musik- und Literaturfestivals. Über all dem steht gleichsam als schützender Schirm, die mittelalterliche Burgruine, die von den Rheinsbergern in jahrelanger Arbeit eigenhändig instandgesetzt und als gemeinsames Kulturforum reaktiviert wurde. Als Abschluß dieses Prozesses wurde die unkonventionelle Burgarena eröffnet, über der ein kreisförmiges Zeltdach schwebt, das von einem ausgedienten Autokran getragen wird. Nicht überall stieß die extrovertierte Architektur von Johannes Zieser im Ort auf Verständnis und nicht von allen wird die dynamische Aktivität der Kulturveranstalter mit gleicher Emphase mitgetragen, doch die überregionale Aufmerksamkeit ließ auch manche Skeptiker auf das neue Wahrzeichen stolz sein.
In diesem Ort der Ungleichzeitigkeiten zwischen wirtschaftlichen und kulturellen Offensiven und traditioneller Behäbigkeit plazierten Hubert Lobnig und Iris Andraschek ihr Projekt "Gemeinsame Sache". Gemeinsam mit den KünstlerInnen haben sie sich einige Wochenenden lang im Dorf niedergelassen und sich mit den Menschen, mit dem öffentlichen Leben und den lokalen Institutionen befasst. Sie recherchierten die sozialen Alltage ebenso wie die Topographie der touristischen Selbstdarstellung: Reinsberg an der Eisenstraße, Reinsberg im Mostviertel, das Reinsberg der Biolandwirte, Reinsberg als Kulturdorf.

Vom lokalen Portrait- und Hochzeitsfotografen ließ sich Johann Moser in geliehenen Kleidern und Uniformen abbilden und stellte die Fotoreihe im Schaukasten des Gemeindeamtes aus: Johann Moser als Feuerwehrmann, als Musiker der Dorfkapelle, als Kirchgänger im Sonntagsstaat und als Miglied des Eisschützvereins im Jogginganzug. Moser griff einerseits die historische Praxis der Landfotografen auf, Menschen entweder vor Bühnenbildern abzubilden oder sie in Kleidungsstücke aus dem Kostümfundus zu stecken, aber er spielte auch auf die bis heute grassierende Maskierungsneurose an, wenn sich Besucher aus der Stadt an ihre Gastgeber anzubiedern versuchen, indem sie sich deren Embleme aneignen. Daß der Künstler die Milieus, in die er sich kleidete, aus eigener Kindheitserfahrung kennt, sich gewissermaßen zugleich als Fremder und Einheimischer in Szene setzte, daß er die Travestie an einer Stelle plazierte, wo man Werbeprospekte und Touristeninformation erwartet hätte, zeigte, wie schnell Identitäten und kulturelle Zugehörigkeiten durcheinandergeraten können, wenn es um den Zwang zur Repräsentation geht.
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