simon wachsmuth, fremd
 

simon wachsmuth


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Der Verein MEZ veranstaltete – in Zusammenarbeit mit dem Land Niederösterreich und der Tageszeitung "Der Standard" – ein Kunstprojekt im öffentlichen Raum, und zwar im Medium Großplakat. Thematischer Anstoß und Hintergrund war das gesellschaftspolitische Motto, das die Europäische Union für 1997 gewählt hat: "Jahr gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit". Sechs ausländische, in Österreich lebende KünstlerInnen bzw. Künstlergruppen gestalteten je ein Plakat. Das Projekt wurde in einer Gesamtstreuung von ca. 800 Stück im gesamten Raum Niederösterreich realisiert. Weil die Veranstalter glaubten, dass für das heutige Österreich der Begriff Rassismus, im engen Sinne einer Rassenideologie, kaum als vorwiegendes gesellschaftliches Phänomen und Problem zu bezeichnen ist, haben sie das Thema des Projekts breiter angelegt und den eingeladenen Künstlern den Titel FREMD als inhaltliche Vorgabe gestellt. Dies erschien unter anderem deswegen sinnvoll, weil ethnisch motivierte Diskriminierung auch bloß als extremer Pol eines sozialen wie individuell-psychischen Komplexes betrachtet werden kann, dem Verhaltensweisen und Einstellungen zugehören, die durchaus Teil der gesellschaftlichen Realität hierzulande sind. Gemeint ist das Gemisch von Motiven, das von harmlosen Ressentiments gegen deutsche Touristen bis zu einzelnen Fällen des blanken Rassismus reicht, von den Witzen über den ausländischen Arbeitskollegen oder der "Überfremdung" als Schlager politischer Wahlkämpfe bis hin zur aktuellen, restriktiven Asylpolitik der Regierung und dem von ihr verantworteten, verschärften Ausländerrecht, die Österreich, "wenn es um Integrationspolitik geht, an die letzte Stelle aller westeuropäischen Staaten befördert haben" (Der Spiegel, 10.3.1997).

Simon Wachsmuth lieferte ein reines Textplakat. In alter hebräischer Quadratschrift ist eine Passage aus der Thora gegeben und zwar jene Stelle, die sich mit dem Recht auf Asyl befaßt. Das Textfragment war war in formaler Hinsicht ein zweitesmal fragmentiert - übergroß ins Format gestellt wurden die Zeilen beschnitten, manche Zeichen fehlten ganz -, aber so, daß ein Schriftkundiger die Stelle noch lesen, das Fehlende ergänzen konnte. Eine Übersetzung ins Deutsche war - ganz klein gesetzt - im rechten unteres Eck plaziert und nur von Nahem zu lesen.
Übersetzung des hebräischen Texts (Einheitsübersetzung, 1980), Altes Testament, Deuteronomium, 23/16 u. 17: "Du sollst einen fremden Untertan, der von seinem Herrn bei dir Schutz sucht, seinem Herrn nicht ausliefern. Bei dir soll er wohnen dürfen, in deiner Mitte, in einem Ort, den er sich in einem deiner Stadtbereiche auswählt, wo es ihm gefällt. Du sollst ihn nicht ausbeuten."
Das Plakat wurde in der Region Krems gestreut. In Krems war vor der Nazizeit die größte jüdische Gemeinde in Niederösterreich ansässig.


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