Tatiana Lecomte „Frauen und Mädchen!“

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Damit wendet die Künstlerin eine formale Strategie für schriftliche Fundstücke an, die sie in den letzten Jahren für gefundene Fotografien verwendet hat, um rassistische Bildpolitiken zu analysieren oder die Darstellbarkeit historischen Geschehens mittels Fotografien zu hinterfragen. Für Walter Benjamin diente die Montage als Modell für eine andere Form des Schreibens. Zu seinem Passagen-Werk, das nur aus Zitaten bestehen sollte, meinte er: „Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen.“[3]

Tatiana Lecomte gibt uns einzelne Nachrichten aus der Vergangenheit zu lesen, ohne sie vom heutigen Standpunkt aus ihrer Bedeutung nach zu gewichten. Dieser konsequente Fokus auf die zeitliche Perspektive der damaligen AkteurInnen unterscheidet Lecomtes Herangehensweise von üblichen Formen der Geschichtsschreibung. So wie wir nicht wissen können, was in einem Jahr passieren wird, welche Ideen sich durchsetzen und welche Personen an Einfluss verlieren werden, so finden sich auch auf den Flugblättern Einschätzungen zur Zukunft, die sich im Nachhinein als falsch herausgestellt haben. Damit zeigen diese Textstellen etwas, was eigentlich in der Beschäftigung mit Geschichte ganz offensichtlich ist, aber oft unterschlagen wird: Die konkreten Folgen bestimmter Ereignisse sind in der jeweiligen Gegenwart nicht absehbar, und es hätte zu jedem Zeitpunkt auch ganz anders kommen können. Die Künstlerin verzichtet mit der Streuung von Textfragmenten aus der Vergangenheit also darauf, die Rolle einer Historikerin oder einer wissenden Erzählerin einzunehmen. Vielmehr gibt sie uns Einblick in eine vergangene Gegenwart, die ebenso undurchsichtig ist, wie unsere eigene Gegenwart.

Den formalen Strategien der räumlichen Zerstreuung der Texte mittels Flugblättern, der Wiedergabe einer Vielzahl an Stimmen und dem Fehlen einer nachträglichen Perspektivierung des Vergangenen entspricht eine Rezeption, die das Werk nie als Ganzes wahrnimmt: Kaum eine Person wird alle Flugblätter ausgehändigt bekommen, und nur wenige werden sämtliche der wechselnden Fahnen sehen. Die Rezeption des Werks muss folglich bruchstückhaft bleiben. Somit sind die Beziehungen, die zwischen den einzelnen Elementen hergestellt werden können, immer von Person zu Person unterschiedlich, abhängig von dem, was gerade vorliegt. Diese Aspekte machen es möglich, diese Intervention als eine Art Monument zu begreifen. In der Archäologie des Wissens schreibt Michel Foucault: „Sie [die Archäologie] behandelt den Diskurs nicht als Dokument, als Zeichen für etwas, als Element, das transparent sein müsste, aber dessen lästige Undurchsichtigkeit man oft durchqueren muss, um schließlich dort, wo sie zurückgehalten wird, die Tiefe des Wesentlichen zu erreichen; sie wendet sich an den Diskurs in seinem eigenen Volumen als Monument.“[4]

Wie Knut Ebeling betont, liegt der Unterschied zwischen Dokument und Monument weniger in der Beschaffenheit des historischen Materials, sondern vielmehr in der Art, wie es befragt wird: „Ein archäologisches Monument oder Fundstück steht erst einmal fremd und fragwürdig vor uns und verrät uns seine Bedeutung nicht sofort – wir wissen nicht, was es repräsentiert.“[5] Analog dazu sind die einzelnen Flugblätter und Fahnen der Intervention Frauen und Mädchen! nicht Elemente einer Geschichte, sondern stehen als Momentaufnahmen vergangener Debatten jeweils für sich. Als solche ermöglichen sie nicht, aus ihnen eine historische Entwicklung herauszulesen. Vielmehr werden mit den Flugblättern vergangene Phänomene punktuell und abrupt ins Heute katapultiert. Gleichzeitig werden diejenigen Strategien und Mechanismen offensichtlich, die dazu beitragen, Frauen die Gleichberechtigung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu verwehren. Zwischen 1848 und 1918 waren die Autorinnen und Autoren gezwungen, immer wieder das Offensichtliche auszusprechen: dass Bildung allen gleichermaßen offenstehen soll, dass Arbeit und Familie einander nicht ausschließen und dass Frauen für ihre Arbeit einen angemessenen Lohn erhalten sollen.

Diese Forderungen haben nichts an Aktualität eingebüßt. Deshalb soll noch einmal Berta Pauli zu Wort kommen, die nur wenige Tage, nachdem Frauen das Wahlrecht errungen hatten, Frauen aufforderte, „sich in Organisationen zusammenzufinden, um gegen Reaktion und Terror, die größten Feinde der Frauenfreiheit, vereint und schlagkräftig vorgehen zu können".[6]
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[3] Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Erster Band, Frankfurt/M. 1983, S. 574.
[4] Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Frankfurt/M. 2000, S. 198.
[5] Knut Ebeling, Wilde Archäologien II, Berlin 2016, S. 383.
[6] Erste politische Versammlung des allgemeinen österreichischen Frauenvereins, in: Zeitschrift für Frauen-Stimmrecht, Wien: Dezember 1918.
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