clemens denk, die edlen früchte und die gouvernante  eine ausstellung im schüttkasten harmannsdorf
clemens denk, die edlen früchte und die gouvernante  eine ausstellung im schüttkasten harmannsdorf
 

clemens denk


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die edlen früchte und die gouvernante eine ausstellung im schüttkasten harmannsdorf



Hübner, seit Jahren an der Kunstuniversität Linz als Lehrende tätig, sah das Potenzial, diesem Genius Loci Tribut zu zollen und sich auf künstlerische Ansätze zu konzentrieren, die sich mit den Themen „Lernen und Wachsen im weitesten Sinne“ (Pressetext) in Verbindung bringen lassen. Weitere Gründe für diese thematische Fokussierung lieferten der weitläufige Garten des Schlosses mit einem zusätzlichen Schauplatz, der ehemaligen Orangerie, sowie die erst vor Kurzem renovierten Fresken in der Sala Terrena des Schüttkastens, auf denen eine allegorisch üppige Natur über die gebaute Zivilisation triumphiert. Ihrer künstlerischen Kompetenz auch im Feld des Kuratorischen vertrauend, verdichtete Hübner intuitiv diese lokalen Bezüge zu einem nach Räumen gegliederten Rundgang entlang der Leitmotive, die die Kuratorin in einem Konzepttext folgendermaßen beschreibt: „Es geht um viel in diesen jungen Jahren: wachsen, beschneiden, aufpfropfen, blühen, verwelken und ausbrechen, wuchern und sich gehen lassen, leiden, lieben, bewundern, nachahmen, üben, erkennen und die Hoffnung auf den schönsten Platz im All.“ Dass Hübner diese Ansätze für eine generationenübergreifende Ausstellung nutzte, war dabei eine der wesentlichsten Faktoren für das Gelingen dieses Projekts, neben dem Umstand, dass es den über 30 Beteiligten letztendlich eher um die mit Entwicklungsprozessen verbundene Verunsicherung ging als um eine – ohnehin fragwürdige – Gleichsetzung von Naturprozessen mit menschlich-sozialer Bildungserfahrung.

Einübungen
Sowohl dem Titel wie auch der historischen Biografie entsprechend, begann die Ausstellung mit Räumen, die der Unterrichtung und Bildung, den „Fingerübungen und den klassischen Themen“ (Konzepttext) gewidmet waren. Die malerischen und zeichnerischen Arbeiten von Stefanie Aigner, Julia Hinterberger, Elisabeth Neuwirth und Eva Marschik erinnerten die BetrachtInnen an die Notwendigkeit der künstlerischen Einübung in Genres und Techniken als paradoxe Vorbedingung darauf aufbauender Eigenständigkeit. Sabine Jelinek aktualisiert das klassische Stillleben durch die Verwendung des Mediums Polaroid, während Johanna Serdinscheks dysfunktionales Pseudofitnessobjekt mitten hinein in die Welt des Drills, des Trainings und des Zwangs führt. Diese Welt muss auch Bertha von Suttner vor Augen gehabt haben, als sie sich 1889 in ihrer Schrift „Мaschinenzeitalter. Zukunftsvorlesungen über unsere Zeit“ im Kapitel „Jugendunterricht“ folgendermaßen an die 1880er-Jahre erinnert: „Dem Schüler ging niemals eine Ahnung davon auf, daß die Dinge, von welchen die Wissenschaften handeln – Erde, Sprache, Moral, Thier-, Pflanzen und Mineralreich – langsam entstandene, tausendfach umgewandelte und zu neuen Umwandlungen bestimmte Erscheinungen seien; und noch weniger dämmerte ihm der Verdacht, daß auch die Erkenntnis dieser Dinge eine noch unvollständige, änderungsfähige und erweiterungsbedürftige sein könne ...“ Serdinscheks seltsam unheimliches Objekt und Jelineks Serie „natura morta“ führten direkt in die existenzielleren Schichten der Ausstellungsthematik. Somit von Beginn an sensibilisiert, entgingen dem Blick in weiterer Folge weder die kaum verhüllten Мemento mori in mehreren Arbeiten (Andreas Karner, Vanja Krainc, Haruko Maeda) noch andere irritierende Elemente wie die Todesnähe der Liebesbezeugung bei Kathrin Plavcaks küssendem Engel.

Unheimliches und Unstabiles
Die an die Sala Terrena angrenzenden Erdgeschoßräume widmeten sich der Verunsicherung und dem Umbruch und damit den zentralen Begleiterscheinungen jeder wirklichen Bildungserfahrung. Bertha von Suttner, die virtuelle Schutzpatronin der Ausstellung, musste ihren gravierenden Umbruch ausgerechnet in Harmannsdorf erfahren, als sie sich in den Sohn des Hauses verliebte, deswegen den Dienst quittieren musste, und diesen, Arthur von Suttner, in weiterer Folge, 1876 nur gegen den Willen seiner Eltern heiraten konnte. Den KünstlerInnen in diesem Teil der Ausstellung ist die Überführung der Fragilitäten aktuellen Lebens in ihre Arbeiten bereits gelungen, sei es in Form von Cut-up-Elementen in der Malerei von Ursula Hübner oder bei den ProtagonistInnen der Bilder von Marcin Maciejowski, deren coole Verlorenheit ebenso Stil wie Erfahrung vermittelt. Erfahrung ist jedoch nicht ohne Veränderung möglich. Wenn Conny Habbel die Räume ihrer Kindheit und Jugend für eine Fotoarbeit wieder aufsucht, setzt sie sich mit ihrer eigenen Veränderung auseinander und betritt jene unstabil gewordenen Räume, deren Mobiliar wenige Meter entfernt, im Video von Paul Horn und Harald Hund, ganz physisch auseinanderbricht.

Bilder und Vorbilder
Die Malerei, als geschichtsbewusstes Medium, entwickelt sich immer in Beziehung zu anderen Bildern, die zu Vorbildern und damit im Wortsinn zu „Idolen“ werden. Ein Projekt wie die Ausstellung in Harmannsdorf, das sich mit starkem Malereibezug dem Heranwachsen und der Reifung widmet, kann daher nicht ohne Beiträge auskommen, die sich mit Rollenvorbildern, Modellstudien und einer zeitgemäßen Idolatrie beschäftigen, wie es etwa Dietmar Brehm, Petra Braun, Clemens Denk und Tina Hainschwang in ihren Arbeiten tun. Dabei spannt sich der Referenzbogen von römischen Büsten bis zu Queer-Culture, Pop und Kunstbetrieb und umfasst damit das gesamte Spannungsfeld gegenwärtiger Inspirationspotenziale für künstlerische und persönliche Entwicklung.

Arbeit und Betrieb
Zwar folgten Konzept, Hängung und Ablauf der Ausstellung nicht narrativ dem Lebensweg der Exgouvernante, doch liegt es für den Beschreibenden nahe, den Weg der Ausstellung vom Schüttkasten zur entfernt gegenüberliegenden ehemaligen Orangerie in Beziehung zu Bertha von Suttners mehrjähriger Kaukasusreise zu bringen, die ihr dazu verhalf, ihre publizistische Arbeit zu beginnen und in der Folge eine Karriere zu begründen. Suttners persönliche Bildungsgeschichte mündete nun also in den Beruf der Autorin, die zu Beginn ihrer Laufbahn noch unter männlichem Pseudonym publizierte, um leichtfertiger Kritik und stereotypen Zuschreibungen zu entgehen. In der Ausstellung thematisieren die Arbeiten von Andrea Lüth und Sasha Pirker das Arbeitsumfeld heutiger Kunstpraxis. Sie setzen formal nüchterne analytische Akzente in einer Ausstellung, deren Gesamthandschrift ohnehin stärker zu Intimität und formaler Zurückhaltung tendiert als zu klischeehafter ex-jugendkultureller Expressivität.

Erfahrung und Utopie
Ursula Hübner und den von ihr versammelten KünstlerInnen ist die Zwiespältigkeit von Jugenderfahrungen bewusst. Insbesondere haben sie nicht vergessen, dass es vorwiegend der erwachsene Rückblick ist, der dieser Zeit nur Unbeschwertheit zuschreibt. Von späteren Erfahrungen gezeichnet und damit ähnlich den Wachsköpfen Anne Schneiders im letzten Raum der Ausstellung, verklärt die Rückschau, was im Moment des Heranwachsens eher als schmerzliche Dissonanz zwischen „Reality“ und „Possibility“ verspürt wird, jenen zwei Polen in Karo Szmits Billboarddiagramm am Beginn der Ausstellung, zu denen auseinanderlaufende Linien führen. Die „Jugendlichkeit“ des Projektes zeigte sich jedoch in der Tatsache, dass neben der Darstellung von Abgeklärtheit und auch Melancholie trotzdem Liebes- und Utopiefähigkeit erhalten bleiben: Vielleicht wird ja doch die „Еrde der schönste Platz im All“, wie es im Song der Band „Mutter“, die mit einem Musikvideo und Zeichnungen ihres Frontmans Max Müller in der Ausstellung vertreten ist, heißt. Und auch im funkig-trotzigen „I want 2 rokk“ von Andreas Karner und Chrono Popp schwingt der Anspruch mit, die Begrenztheit der eigenen (Mäuse)existenz zu überwinden.

Begrenztheit und Veränderung
Exakt in diesem Anspruch, bei dem es darum geht, Eingrenzungen zu überwinden und Veränderungspotenzial zu gewährleisten, trifft sich die naturnahe Bildungsvorstellung einer Bertha von Suttner mit der kuratorischen (und auch pädagogischen) Ambition Ursula Hübners. Denn Bertha von Suttners Naturbegriff war nicht einer zweifelhaften „ewigen“ Wahrheit geschuldet, wie man sie heute gerne in die Natur hineinprojiziert, sondern wurde durch die Evolutionstheorie geprägt, deren Einsichten in die Veränderungsfähigkeit jenen Hoffnung gab, die – wie Bertha von Suttner im „Мaschinenzeitalter“ – in Bildungsfragen offen gegen die dogmatischen Versteinerungen in Kirche und Staat argumentierten. Der interdisziplinäre Ansatz der Ausstellung „Die edlen Früchte und die Gouvernante“ und die im Projekt geglückte Zusammenführung einer lehrenden und einer studierenden Generation, stehen für einen Anspruch, der über die Kunst hinausgeht: So wie es für Bertha von Suttner möglich war, in weiterer Folge ihr Pseudonym abzulegen und – ab 1885 wieder in Harmannsdorf lebend – weit über ihre alten Begrenzungen hinaus zu wirken, hält auch die Ausstellung daran fest, dass Kunst und Bildung mit Veränderung und damit letztendlich mit Befreiung zu tun haben müssen.

KünstlerInnen:
Stephanie Denise Aigner, Petra Braun, Dietmar Brehm, Clemens Denk, Conny Habbel, Marlene Haderer, Eva Kadlec, Christina Hainschwang, Armin Haller, Julia Hinterberger, Paul Horn, Harald Hund, Ursula Hübner, Sabine Jelinek, Andreas Karner, Chrono Popp, Vanja Krajnc, Jakob Lechner, Andrea Lüth, Marcin Maciejowski, Haruko Maeda, Eva Marschik, Stephanie Mold, Max Müller, Elisabeth Neuwirth, Bernd Oppl, Sasha Pirker, Katrin Plavcak, Anne Schneider, Johanna Serdinschek, Karo Szmit, Bernhard Weber, Patrick Weber, Crazy Bitch in a Cave gemeinsam mit Astrid Käthe Wagner

Kuratorin: Ursula Hübner
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