gernot wieland, JETZT
 

gernot wieland


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Das Wort "jetzt" erinnert in seiner sloganartigen Verkürzung an den nach Aufmerksamkeit heischenden Gestus von Werbebotschaften aller Art: Mit "jetzt" oder "nur jetzt" werden Waren angepriesen, die kurzfristig dem ökonomischen Spiel von Angebot und Nachfrage entrissen werden, um damit Platz zu schaffen für einen neuen Kaufreiz. Selbst ohne Ausrufungszeichen klingt in diesem einen Wort das Kategorische eines Imperativs an. Aber auch in der Welt der Kultur und Kreativwirtschaft wird die rein deskriptive Bezeichnung einer grundsätzlich neutralen Veranstaltung wie einer Ausstellung zunehmend dem Jargon einer durchökonomisierten Sprache angepasst und offenbart dadurch nicht selten einen latent aggressiven Charakter. „Abstraction now“ als Titel für eine Designausstellung beispielsweise verweist weniger auf die angesprochenen Abstraktionstendenzen in der Formgebung als auf die Unbarmherzigkeit ihrer ökonomischen Durchschlagskraft.
Gernot Wieland bedient sich in seiner Arbeit oft vergleichbarer Methoden, um in der Verwendung mehr oder minder vorkodierter (Werbe-)Botschaften den psychologischen Subtext herauszuschälen und offen zu legen. Jegliche Werbung, auch die in zwischenmenschlichen Beziehungen, ist grundsätzlich dadurch gekennzeichnet, dass sie sich in einem appellativen Grundimpuls an einen bestimmten Referenzraum richtet. Wieland untersucht die Funktionsweise (im weitesten Sinne), aber auch fallweise das Scheitern eines solchen Appells, wenn er nicht mit adäquaten Mitteln vorgetragen wird. Durch das Aufzeigen von Fehlstellen in einem so zu bezeichnenden Gebrauchsdesign der Kommunikation werden dabei allerdings auch oftmals tiefere Einsichten in die Funktionsweisen unserer Umgebung ermöglicht.
In seinem Projekt für Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich hat Gernot Wieland Ringelblumensamen ausgesät, die, aufgekeimt und erblüht, den Schriftzug "jetzt" ergeben. Ort dieser Intervention ist ein mit Gras bewachsener Abhang am Ufer der Donau bei Wien, nahe einem Kulturgelände, den die BesucherInnen dieses Veranstaltungszentrums leicht erblicken können. In diesem Umfeld bilden die Blumenbuchstaben einen irritierenden Gegenpol zum Spektakelgeschehen des unterhaltenden Kulturbetriebs. Einen kurzen Sommer lang leuchten die Ringelblumen in der Form und der Intention des Künstlers, danach werden sie ihrem eigenen Vegetationszyklus überlassen. Ob der Text überhaupt länger als eine Saison lesbar sein wird, bleibt offener Teil dieses künstlerischen Experiments. Wielands Projekt bezieht sich hier auf ganz unterschiedliche Kontexte, fügt sich aber in der Intention und der Stringenz der Ausführung seinen früheren Arbeiten an. Es operiert zunächst mit einem Widerspruch, denn indem etwas anderes behauptet als dargestellt wird, weist es eben auf eine Fehlstelle in der Kommunikationsstruktur hin. Im Kunstwerk kann zwar lange noch das Wort "jetzt" ausgedrückt sein, unser Wissen um seine Beschaffenheit und den Lauf seiner Veränderung macht es zu einem Fanal der Vergänglichkeit. Ein "work in progress" im besten Sinne des Wortes, bleibt es doch sich selbst überlassen und verändert sich ohne weitere Einwirkung des Künstlers. Das Werk wird gesät, wächst, breitet sich aus – und zerstört sich schließlich nach und nach selbst. Es bleibt aber der interpretierenden Haltung der BetrachterInnen vorbehalten, in dieser Autodestruktion vor allem den latent aggressiven Zug wahrzunehmen oder aber auch den anarchischen Gestus, den paradoxen Umstand, dass durch einen Text Unleserlichkeit erzeugt wird. Mit "jetzt" gibt es einen Ort, wo die Kontrolle über das Blühende versagt und die Dinge – wenn auch vorbereitet – ihren Lauf nehmen.
PS: In Bezug auf die Kontexte wäre eigentlich ein Exkurs zu analogen Versuchen anderer Künstler fällig, die mit diesem Projekt historisch verknüpft sind, aber aus verschiedenen Entwicklungszusammenhängen stammen: Land-Art-Projekte wie jenes von Richard Long, bei dem sich durch Abschneiden der obersten Blütenschicht für kurze Zeit ein imaginärer Weg in ein Blumenfeld auftat ("Untitled", 1968) – Arbeiten, die einen Ausgangspunkt haben, aber eigentlich keinen definierten Endpunkt. Andererseits wiederum müsste die lange Geschichte der Autodestruktion in der westlichen Kunst, wie sie etwa in Jean Tinguelys Selbstzerstörungsmaschine ("Homage to New York", 1960) oder beim "Destruction in Art"-Symposium (London 1966) manifest wurde, angeführt werden. Und schließlich soll auch Gerhard Rühm nicht unerwähnt bleiben, der zahlreiche Collagen produziert hat, in denen auf das "indexikalische" Paradox des Wortes "jetzt" referiert wird.
(Patricia Grzonka)

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